Mohring: „Ich habe die Ärzte gefragt, ob ich das überlebe“

Mike Mohring will im Oktober Ministerpräsident von Thüringen werden. Hier spricht der CDU-Politiker über seinen Kampf gegen den Krebs.

Erfurt. Mike Mohring genießt die Frühlingssonne vor dem Café Süden, ein paar Schritte vom Thüringer Landtag entfernt. Das sei gut für seine Blutwerte, sagt er. Der CDU-Spitzenkandidat trägt eine blaue Wollmütze, seit seine Chemotherapie begonnen hat. Er nimmt sich viel Zeit, um zu erklären, wie die Krebsdiagnose sein Leben verändert hat – und was das für die Landtagswahlen am 27. Oktober bedeutet.

Herr Mohring, wie geht es Ihnen?

Mike Mohring: Mir geht es gut. Ich habe die Chemotherapie jetzt hinter mir. Donnerstagmorgen war ich beim Arzt zur turnusgemäßen Blutkontrolle. Die Werte waren allesamt sehr gut.

Haben Sie die Krankheit überstanden?

Mohring: Das wird sich zeigen. Es kommt ja noch die Abschlussuntersuchung. Erst danach weiß ich, ob alles weg ist.

Was war die genaue Diagnose, die Sie im vergangenen Herbst bekommen haben?

Mohring: Es war ein aggressiver, schnell wachsender, bösartiger Krebs.

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen die Ärzte das gesagt haben?

Mohring: Ich habe die Ärzte gefragt, ob ich das überlebe. Die weiteren Untersuchungen haben dann gezeigt, dass es sehr gute Heilungschancen gibt. Daraufhin habe ich mich mit der Situation arrangiert – und es hat funktioniert.

Sie haben Ihre Erkrankung im Januar auf Facebook mitgeteilt – unmittelbar vor der CDU-Vorstandsklausur in Potsdam.

Mohring: Da war die Hälfte der Chemotherapie schon vorbei. In den vier Wochen über die Weihnachts- und Neujahrstage wollte ich mich vollständig auf die Genesung konzentrieren. An dem Wochenende der Vorstandsklausur war ich hin- und hergerissen, was ich mache. Mein Arzt hat mir dazu geraten, mich nicht zu verstecken und nach Potsdam zu fahren. Ich habe das Video tatsächlich erst aufgezeichnet, bevor ich ins Auto gestiegen bin. Während der ganzen Fahrt habe ich überlegt, ob ich das hochlade. Kurz vor Potsdam habe ich es dann gemacht .

Vor einigen Tagen haben Sie ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer getwittert: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns. Am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Welche Botschaft wollten Sie senden?

Mohring: Den Tweet habe ich abgeschickt nach meiner letzten Chemo. Ich mag dieses Gebet von Bonhoeffer sehr. Die Zeilen haben meinen Gemütszustand ganz gut beschrieben: Was jetzt noch kommt, liegt nicht in meiner Hand. Aber ich verlasse mich darauf, dass da jemand ist, der das richtet und der mich hält.

In der Krankheit zeigt sich, auf welche Menschen man sich stützen kann. Wer ist das bei Ihnen?

Mohring: Meine allerengsten Freunde – und die Familie. Sie haben Wundpflege gemacht und mich in den schweren Tagen begleitet, als ich im Krankenhaus war. Seit ich meine Krebserkrankung öffentlich gemacht habe, bekomme ich Zuspruch quer durch das Land. Ich weiß gar nicht, ob ich ohne diesen Zuspruch so durch diese Behandlung gekommen wäre.

Können Sie Wahlkampf machen mit ganzer Kraft?

Mohring: An diesem Wochenende bin ich beim Skifahren. Und letzte Woche war ich in den Bergen. Sport hilft, die Kräfte zurückzugewinnen. Aber die Genesung braucht Zeit. Alles andere wäre auch ein medizinisches Wunder. Für den Wahlkampf bin ich voller Energie und Euphorie.

Hat sich Ihr Blick auf die Politik verändert in den vergangenen Monaten?

Mohring: Viele Menschen aus meinem Umfeld sagen mir, dass ich mich weiterentwickelt habe und dass ihnen das gefällt. Nach einer solchen Diagnose relativiert sich vieles. Mir fällt jetzt auf, wie viel Zeit wir mit nebensächlichen Fragen verballern. Und wenn ich in eine Diskussion gehe, denke ich: Auch der andere könnte Recht haben. Politik sollte kein Kampf sein, in dem es nur darum geht, wer Gewinner und wer Verlierer ist. Das Resultat muss stimmen.

Wollen Sie noch unbedingt Ministerpräsident von Thüringen werden?

Mohring: Das Wahlziel der CDU ist klar: Wir wollen stärkste Kraft werden und Rot-Rot-Grün ablösen – mit einer Regierung der bürgerlichen Mitte unter meiner Führung als Ministerpräsident. In jedem Fall werde ich mit der Entscheidung der Wähler gelassener umgehen als ich das bisher gekonnt hätte. Das Leben geht weiter – egal, wie die Wahl ausgeht. Aber es ist doch Ansporn, sich für eine bessere Zukunft für das Land und die Leute einzusetzen.

Mit wem möchten Sie eine Regierung der bürgerlichen Mitte bilden?

Mohring: Als Koalitionspartner kommen für uns alle infrage, die sich dieser breiteren bürgerlichen Mitte zurechnen lassen. AfD und Linkspartei gehören dazu nicht.

Spüren Sie Rückenwind aus Berlin für diese Wahl?

Mohring: Wir haben eine Schicksalsgemeinschaft. Die neue Führung der CDU ist darauf angewiesen, dass dieses Wahljahr erfolgreich wird. Daraus ergibt sich der Rückenwind fast zwangsläufig. Der Streit zwischen den Unionsparteien, den wir 2018 erlebt haben, darf sich nicht wiederholen.

Was soll der großen Koalition gelingen?

Mohring: Ein ganz großes Thema ist die Grundrente, die jetzt auch umgesetzt werden muss – und zwar so, wie sie im Koalitionsvertrag steht. Wenn die SPD überzieht und eine vernünftige Lösung blockiert, werden AfD und Linkspartei die einzigen Gewinner dieser Debatte sein. Ich appelliere an die SPD, noch vor der Sommerpause den Weg für die Grundrente freizumachen.

Gerade in Ostdeutschland steht vielen Menschen die staatliche Rente als einziges Einkommen zur Verfügung. Vielen bleibt nach 45 Arbeitsjahren und niedrigeren Löhnen nur eine kleine Rente – das frustriert die Leute. Die gewaltigen Umbrüche nach 1990 haben viele Erwerbsbiografien beeinträchtigt, was bisher bei der Rentenberechnung nicht ausreichend berücksichtigt ist.


Ist eine Prüfung der Bedürftigkeit für Sie unverhandelbar?

Mohring: Ich bin für eine einfachere Form der Bedürftigkeitsprüfung, die sich beschränkt auf die tatsächlichen Alterseinkünfte. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, das vor Auszahlung der Grundrente zu berücksichtigen.

Wenn Sie die Debatten verfolgen – reichen die Gemeinsamkeiten von Union und SPD für eine volle Wahlperiode?

Mohring: Die Koalition ist gerade ein Jahr im Amt. Ich verstehe überhaupt nicht, warum die SPD die eigene Arbeit schon wieder in Zweifel zieht. Wer soll einem denn Vertrauen schenken, wenn man sich ständig selbst infrage stellt? Ich wünsche mir für die Landtagswahlen, dass Ruhe einkehrt in Berlin, und dass die große Koalition ihre Arbeit macht.

Die Union hält sich auch nicht daran. Sie diskutiert – befeuert vom rechten Parteiflügel – über einen Kanzlerwechsel von Angela Merkel zu Annegret Kramp-Karrenbauer.

Mohring: Das nervt und erinnert mich schon wieder an die Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres. Annegret Kramp-Karrenbauer tut der CDU gut: wie sie auftritt, wie sie der Partei neues Profil verleiht, wie sie ihre Kritiker einbindet. Und Angela Merkel wirkt als Kanzlerin geradezu befreit, seit sie den Parteivorsitz abgegeben hat. Ich halte gar nichts davon, jetzt schon wieder den nächsten Schritt zu fordern. Mit dem Modell einer Doppelspitze kann man in dieser Wahlperiode arbeiten.

23.03.2019 Berliner Morgenpost; Martin Debes, Jochen Gaugele und Kerstin Münstermann